Riesa Rockt 2010 abgesagt!

Riesa Rockt 2010 abgesagtSehr geehrte Stadtverwaltung Riesa, Stadtbauamt & Bauaufsicht
sehr geehrte Frau Nicolai,

herzlichen Glückwunsch!

Wieder einmal ist es Ihnen gelungen, private Initiative und Engagement für mehr und vor allem bessere Kultur- und Jugendarbeit in dieser so „besonderen Stadt“ kraft Ihres Amtes in die Schranken zu weisen. Es ist ja auch wirklich unerhört, daß hier „gemeinnützige“ Vereine (in diesem besonders schweren Fall der sogenannte  „Junge Kunst e.V.“) glauben, sie könnten hier mal eben machen, was sie wollen.

Wie auch wir gerade noch rechtzeitig erfahren haben, wollten die doch einfach so Jugendliche(!) Rockmusik(!!) machen lassen! Und dann auch noch 5 (in Worten: FÜNF!!!) Kapellen (mindestens!!!!) hintereinander, praktisch auf einem Haufen!!!! Das erinnert uns ja geradezu an die hippiesken Veranstaltungen der ’68er mit ihren sogenannten „Musik“ – Festivals. Wohin Woodstock, Altamont und sowas geführt haben, hat man ja gesehen. Gut, daß Sie das, wenn auch nur knapp, noch verhindern konnten!

Dabei sind wir uns nicht mal sicher, was denn nun schlimmer gewesen wäre:
Dieses sogenannte Festival an sich, oder daß die das auch noch in einer alten Fabrikhalle machen wollten, wo die doch da nichtmal Miete bezahlen müssten. Diese Hippies, denen haben Sie ja endlich mal richtig gezeigt, daß das so nicht geht! Die haben das letztes Jahr schon so gemacht – schon da müssen die sich die Genehmigungen erschlichen haben, anders kann das ja nicht sein…schließlich haben die zuständigen Paragraphen ja auch damals schon in den Gesetzbüchern gestanden – daß damals keiner darüber gestolpert ist, verstehe ich heute noch nicht.

Wir hoffen ja und gehen davon aus, daß der damals zuständige Genehmigungserteiler rückwirkend zumindest personalaktenkundig abgemahnt wird. Hier ist Konsequenz gefordert, sie haben ja gezeigt, daß sie wissen, was das Wort bedeutet.

Besonders gut gefallen hat uns auch Ihr umwerfend kluger Schachzug, den mit beeindruckend vielen wirkungsvollen Anforderungen versehenen Nachtrag zu Ihrem schon vor Monaten aufgestellten Auflagenkatalog (ein schönes Wort, hab grad eine wohlige Gänsehaut…) erst drei Wochen vor dieser Krawallveranstaltung den „Veranstaltern“ zuzustellen. Ein äußerst geschickter taktischer Winkelzug, einer Amtsleiterin Ihres Formats würdig. Bravo!

So hatte dieser „Verein“ wenigstens keine Zeit mehr, stellen Sie sich mal vor, die hätten das am Ende noch geschafft – nicht auszudenken, das wäre ja eine glatte Katastrophe für unsere mittlerweile bundesweit als Volksmusik-Hochburg bekannte „besondere Stadt“ geworden, eine Imageverlust ohnegleichen.

Und noch etwas haben Sie mit dieser wohldurchdachten Aktion erreicht:
Die Mitglieder dieses sogenannten „gemeinnützigen Vereins“ haben ihre bislang sorgsam gepflegte Maske endlich fallen lassen. Großherzig, wie Sie nun einmal sind, haben Sie diesen Leuten ja schließlich auch unser städtisches Kleinod, die für viel, viel Geld sanierte Stadthalle „Stern“, zur Nutzung angeboten. Ein Vertrauensvorschuß, der in den Jahren nach der Sanierung seinesgleichen sucht.

Jahrelang haben Sie zusammen mit der FVG mit Klauen und Zähnen darum gekämpft, möglichst wenige Veranstaltungen in diesem Schmuckkästchen durchführen zu müssen (diese Abnutzung, einfach furchtbar, das verstehen wir durchaus), nun bieten Sie es diesen Jugendlichen an, und was machen die?

Die lehnen ab, dieses undankbare Pack. Ist das eigentlich zu fassen?

Wir haben es doch schon immer gewusst, die heutige Jugend ist durch und durch verdorben, verroht und UNDANKBAR bis dorthinaus. Es zwar sicher schade, daß Ihnen jetzt die Miete, die Cateringablöse, die netto €0.25 pro KW/h vergoldetem Stadthallenstrom verloren gehen, wo doch jetzt einfach die Stütze gekürzt wird (noch so ein Skandal, aber darüber beschweren wir uns ein andermal) – aber das bleibt ja unter uns, keine Sorge: wenn wir’s keinem verraten, kriegts auch keiner raus, wir können schweigen…

Statt wie sichs gehört in Dankbarkeit zu vergehen, wagen die es sich nun auch noch, solch ein Pamphlet an Sie zurückzusenden und Sie, gerade Sie unterschwellig für das Scheitern dieser Hottentottenveranstaltung verantwortlich zu machen. Das ist ja wohl der Gipfel der Frechheit, da sieht man mal, wohin Rock“musik“ führt.

Liebe Stadtverwaltung,

lassen Sie sich in Ihrem weiteren Tun zum Wohle der „besonderen Stadt“ bloß nicht beirren, sorgen Sie unter allen Umständen weiter dafür, daß dieses Nest das bleibt, was es ist: eine durchschnittliche, langweilige, öde Klitsche irgendwo im sächsischen Nirgendwo, die ihre Beinamen von Stahlstadt über Sportstadt, Eventstadt und Mutantenstadl mit aller Gewalt zur Spottstadt verändert.

Vielen Dank & weiter so!

Mit besten Grüßen

Ihre Arbeitgeber*

(*) Falls Sie es noch nicht oder nicht mehr wissen sollten – das sind in Ihrem Fall die Bürger dieser Stadt.

3 Gedanken zu „Riesa Rockt 2010 abgesagt!

  1. Wunderbar geschrieben. Respekt.

    Einmal kann Zufall sein, aber zweimal hat Methode.
    Es ist nun schon der zweite Verein, der unter den Auflagen der Baubehörde massiv behindert wurde.

    Warum tretet Ihr ins Jammertal und sagt das Gröbas- und Merzdorfsdurchschnittsalter zu hoch ist. Mit diesen Entscheidungen sorgt man dafür, dass diese „besondere Stadt“ immer unattraktiver für die Jugend wird.
    Im Moment (so meine Meinung) wird doch alles daran gesetzt, Veranstaltungen durch Auflagen undurchführbar zu machen bzw. von einer Gesellschaft durchführen zulassen, deren Fähigkeiten in der Veranstaltungsdurchführung fragwürdig ist oder gar teilweise die fachliche Kompetenz vermissen lässt. Siehe hierzu Stadtfest 2009 als .“gelungene“ Veranstaltung, oder gar die Drachenbootparty in den „heiligen“ Halle des Schlagerolymps, die nie nur ansatzweise den Flair der Party an der Elbe aufkommen lassen haben.
    Gratulation derer, die den Jugendschutz so aktiv durchsetzten.

    Veranstaltungen für die Jugend bzw. Nichtschlagerfans werden verhindert, somit sind sie nicht mehr der gefährlichen Musik ausgesetzt.

    Hier zu fällt mir nur ein Zitat ein: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ (1965 Ankündigung des Verbots westlicher Beatmusik auf dem XI. Plenum des ZK der SED)

    Tausch man nun „vom Westen“ mit „von der Rockmusik“ passt es wieder.
    Danke Genossen für eure Weit- und Umsicht. Ich schlage „Stadtverwaltung Riesa, Stadtbauamt & Bauaufsicht“ für das „Banner der Arbeit“ vor

  2. Das ist in Riesa nichts neues. Ständig werden Veranstaltern Steine in den Weg gelegt (Ich spreche aus eigenen negativen Erfahrungen). Das Stadtfest 2011 wird wieder ohne Lokal Bands auskommen.
    Die Bands wären für lau aufgetreten. Aber die Stadt hat kein Interesse.

    Nach und nach werden auch noch alle Jugendtreffs zu gemacht.

    Riesa geht den Bach runter. Zum Glück Flopt auch die Tolle Erdgasarena. Ausser Florian Silbereisen kommt das ja kein großer mehr. Wen man wartet und keine Beziehungen hat geht man halt unter.

    Statt die halle auch mal Preiswert zu vermieten geht kein Weg rein.
    Lieber leer und keine Kohle als wenigstes etwas Kohle und gute Presse.

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