Die Wahl der Qual

Stell Dir vor es ist Wahl und keiner geht hin. Das Problem mit der Wahlbeteiligung auch und gerade bei Kommunalwahlen ist ja schon länger bekannt, aber die Beteiligung in diesem Jahr war schon rekordverdächtig dürftig. Eigentlich ist es traurig, schließlich (ja, ich weiß, schon wieder, gähn…) hatte man sich nach 40 Jahren DeDeEr auch freie Wahlen erkämpft – nun kann man sich aussuchen, von wem man sich die nächsten sieben Jahre quälen läßt und tuts nicht.

Warum eigentlich nicht? Lags am Wetter, an der Bequemlichkeit oder gar am Geisteszustand? Es soll ja Leute geben, die solch wichtige Termine schlicht und einfach vergessen (wollen)…
Eventuell, aber wirklich nur eventuell lag es ja auch am praktisch nicht vorhandenen Wahlkampf, an farblosen Kandidaten, an fast unterschiedslosen Wahlprogrammen, an…, an…, an…(bei Bedarf bitte selbst ergänzen).

Man macht es zu leicht, einfach nur über die trägen Bürger zu meckern (Zitat: Die Nichtwähler sollten sich schämen und in den nächsten Jahren die Klappe halten„), wenn man selbst nicht weiß, für wen und mit wem man aus welchem Grund ins Rathaus will.

Schon der Wahlk(r)ampf ließ da nichts Gutes vermuten, es schien mitunter als hätte man vergessen, daß der Altersschnitt auch in Riesa beständig steigt. Selbst wenn unsere älteren Mitbürger sich mit Facebook, Twitter & Co. auskennen würden, hätten die auf den jeweiligen Kandidatenseiten veröffentlichten geistigen Tiefflüge wohl doch nur bei besonders Schmerzresistenten eine Erholung von der Trägheit bewirkt.

Potentielle Riesaer Wähler auf der Facebook-Plattform staunten manchmal nicht schlecht, wessen Freunde sie auf einmal waren. Hier wurden Leute auf die Freundschaftslisten geholt, die nicht mal elementarst auch nur irgendwas mit der Stadt Riesa zu tun haben. Da  wurden selbst Spieler von Browsergames, die sich auf der Freundschaftsliste eines Riesaers befanden einfach hinzugefügt, ganz nach dem Motto “ Guck mal, meine Liste ist länger als Deine, ätsch….). Leute, daß ist Kleinkind-Niveau – soll man DAS wählen?

Auch die Kandidaten-„Vorführung“ in der Stadthalle hatte was. Zumindest drei der OB-Anwärter wurden vorgeführt oder konnten (sollten?) sich zumindest so fühlen. Ist schon seltsam, daß der selbsternannten „Stadtmutter“ nur Fragen gestellt wurden, von denen man wußte, dass sie diese souverän und sicher zu beantworten weiß – die bürgerliche Klatschfraktion hats gefreut – der Rest sah (Tschuldigung) ziemlich belämmert aus.

Verwunderlich war auch der plötzliche Anruf mit dem freundlichen Hinweis, man solle sich doch bitte schnell mal einen Ansteck-Pin zur „klaren Positionierung gegen Rechts“ kaufen -> Stichwort „Geschwister Scholl Strasse“. Noch so ein (für die Anwohner und ebenfalls dort ansässigen Firmen teurer)  Wahlkampf-Gag, schließlich hat ja die CDU der Ansiedlung der „Deutschen Stimme“ auf der Mannheimer Strasse ja freudig zugestimmt.

Um mich klar gegen rechts zu positionieren brauche ich keinen An-Stecker, da braucht es An-Stand und Konsequenz, beides war bis Anfang des Jahres hier in Riesa seitens der Stadtoberen seltsamerweise nicht zu bemerken. Prinzipiell ist die Idee der Strassenumbenennung ja wirklich gut, kann man durchaus auch als Zeichen werten, aber: Der NPD-Parteivorstand sitzt in Berlin seit jeher in der Seelenbinderstrasse – jetzt bitte mal das Hirn anschalten. Ein glücklicher Zufall für die Antragsteller, dass die NPD hier in Riesa das Thema Geschwister Scholl & Weiße Rose nicht ausgeschlachtet hat, bei ein bisschen mehr Intelligenz (Gott sei Dank ja nicht…) hätte das auch etwas ins Auge gehen können. Ein anderer Name wäre vielleicht besser gewesen…

Höchst interessant war auch, wie neuerdings Kindergarten-Kinder zum Wahlkampf eingespannt wurden. In T-Shirts der Trinitatis-Kirche gesteckt gings ab zu einer „Geburtstagsfeier“ an die Elbe. Aus blankem Zufall (wie das Leben halt so spielt…) war just an jenem Platz just zu dieser Zeit eine Wahlpropaganda-Veranstaltung der CDU, deren Catering aus ebenso blankem Zufall für eben jene 3-5jährigen genutzt wurde. Ein Schelm, wer arges dabei denkt…

Auf jeden Fall wurden die Kommentare der darob erbosten Eltern wie hier allgemein üblich ignoriert & als nichtig abgetan. Das ist so richtig typisch für diese „besondere“ Stadt. Da kann man auch eine (deswegen!) zurückgezogene Spende von € 20.000 jährlich (!) eines der unfreiwillig involvierten Elternteile als Kollateralschaden abtun – man hats ja.

Vielleicht sind es ja solche Beispiele der Stadtpolitik, die den gemeinen Wähler auf der Couch halten. Dieses „Wen soll ich denn hier wählen, ist doch eh egal“.

Wenn ich vier Kandidaten habe, von denen einer nicht weiß, was er will & für was er steht, ich es einem einfach nicht zutraue, auf diesem Parkett zu bestehen, ich eine nicht unbedingt mag und eine für unfähig halte, was soll ich dann tun?
Ich hab ja die Wahl der Qual – ich wähle mangels Alternativen das kleinste aller Übel. Die 64% Nichtwähler wollten vielleicht nicht mal das.

Trotzdem: Auch von unserer Seite einen herzlichen Glückwunsch an Gerti Töpfer zur gewonnenen Wahl & die besten Wünsche für nächsten sieben Jahre & wie Marius auf Ihrer Facebook-Seite geschrieben hat: Vielleicht überzeugen sie ja doch noch…

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